Coronavirus | Können wir Krise? Felix Walter, Klinikleiter des PZO, und wie belastbar eine Gesellschaft sein kann

«Wenns nur einige Wochen dauert, kommen wir relativ gut klar»

Spazieren zu zweit ist möglich. Dr. Felix Walter warnt vor deutlich längeren oder strengeren  Quarantänemassnahmen.
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Spazieren zu zweit ist möglich. Dr. Felix Walter warnt vor deutlich längeren oder strengeren Quarantänemassnahmen.
Foto: mengis media / Alain Amherd

Dr. Felix Walter ist Klinikleiter und Chefarzt im Psychiatriezentrum Oberwallis (PZO).
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Dr. Felix Walter ist Klinikleiter und Chefarzt im Psychiatriezentrum Oberwallis (PZO).
Foto: zvg

Quelle: 1815.ch 0

Felix Walter, wie kann eine Person, die Angst vor der aktuellen Lage hat, diese in positive Gedanken umwandeln?

«Muss man das?»

Ich weiss es nicht, sagen Sie es mir.

«Angst signalisiert: Vorsicht, hier ist eine Gefahr. Und diese ist aktuell real. Eine gewisse Grundangst ist berechtigt und führt zu einer Anpassung unseres Verhaltens. Es braucht einen gesunden Mix. Einerseits muss man die Bedrohlichkeit, die derzeit da ist, bewusst wahrnehmen und benennen: die Ausbreitung, die Geschwindigkeit, die möglichen Folgen für Risikopatienten. Was zu vermeiden ist, ist derzeit diese Überwertigkeit. Wenn die Angst Oberhand gewinnt und sich auf alle Lebensbereiche ausbreitet, dann ist es kein gesundes Signal mehr. Dabei gilt weiterhin: über seine Ängste reden.»

Sie selbst desinfizieren sich Ihre Hände aktuell rund 50 Mal am Tag, wieso?

«Der SARS-CoV-2-Virus hat auch für uns im psychiatrischen Zentrum Konsequenzen. Hygiene steht an erster Stelle.»

Könnte dieses Verhaltensmuster, sprich der Zwang nach sauberen und virenfreien Händen, auch nach der Krise bleiben?

«Es wird sicher Menschen geben, die ihr Verhalten auch nach der Krise beibehalten. Für die meisten von uns wird es aber eine Episode sein und wir können zu den normalen Hygienebedingungen zurückkehren.»

Was denken Sie, macht diese Corona-Krise mit der Psyche der Menschen?

«Wenn diese Situation einige Woche andauert, dann kommen wir alle relativ gut damit klar. Die Belastbarkeit ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Einige werden leichtere Probleme bekommen. Einige, die auch schon vor Beginn der Pandemie seelische Probleme hatten, werden eine Verschlechterung bemerken.»

Was macht die Ungewissheit der Dauer dieser Krise mit uns?

«Die Ungewissheit ist sicher ein massiver Stressfaktor. Ungewissheit bedeutet für den Menschen die Kontrolle zu verlieren. Und Kontrollverlust ist meistens gleichbedeutend mit Anspannung und Angst. Heisst: Ich kann nicht mehr nur auf mich selbst vertrauen. In der jetzigen Situation bin ich auch drauf angewiesen, dass andere Menschen mitziehen und auch Dinge für mich und die Allgemeinheit tun. Und das kann ich natürlich nicht kontrollieren. Das führt schlussendlich zu mehr Belastung, was wieder eine Depression auslösen kann.»

Was raten Sie der Bevölkerung, damit dieser Stressfaktor nicht zu gross wird?

«Wenn Kontrollverlust im Zentrum steht, dann geht es darum, in dem Rahmen, den ich selber kontrollieren kann, wieder die Kontrolle zu erlangen. Beispiel: mein häusliches Umfeld. In der Familie Dinge zu planen, gemeinsam abzusprechen und diese anschliessend umsetzen. Das bietet mir die Möglichkeit in meinem eigenen Lebensbereich die Kontrolle wieder zu erlangen und den Stressfaktor geringer zu halten.»

Was ist momentan für die Psyche der Bevölkerung das Gefährlichste?

«Das Gefährlichste meiner Meinung nach wären deutlich längere oder strengere Quarantänemassnahmen. Noch gibt es ein gewisses Mass an individueller Freiheit. Die Leute können draussen joggen oder spazieren gehen. Solange die Massnahmen auf diesem Niveau bleiben, sollten es die meisten aushalten können. Wenn sich diese Massnahmen aber zeitlich in die Länge ziehen, dann wird es schwierig.»

Dann begrüssen Sie die Massnahme des Bundesrates bis jetzt?

«Ja.»

Wie sieht es mit der Suizidrate aus?

«Während der aktuellen Krise gibt es sehr wahrscheinlich weniger Selbstmorde. In schweren Krisen wie beispielsweise während der Weltwirtschaftskrise oder in Kriegszeiten gab es generell weniger Selbstmorde. Es kann jedoch sein, dass nach dieser Zeit ein Anstieg zu beobachten ist. Dies ist jedoch rein spekulativ.»

Viele befinden sich derzeit in einem sogenannten Corona-Tunnel. Es gibt eine permanente Konfrontation mit dem Thema. Wie kommt man da raus?

«Kontrollierter Medienkonsum. Die Bevölkerung muss schauen, dass sie informiert bleibt. Das halte ich für sinnvoll. Aber eben kontrolliert. Durch die ganzen Benachrichtigungen mit eigentlich dem immer selben Inhalt spricht man der Nachricht eine ganz andere Bedeutung zu. Andere Dinge des Lebens werden verdrängt. Es braucht einen gesunden Verzicht für eine gewisse Zeit. Ein paar Stunden pro Tag ohne Smartphone ist sicher zu empfehlen.»

Kann die Krise eine Chance sein?

«Ja. Jede Krise kann, wenn sie positiv bewältigt wird, eine Chance sein. Wir lernen wieder, auf das Wichtige zu achten. Wir lernen wieder, dass man sich gegenseitig unterstützen und als Gesellschaft zusammenrücken muss. In solchen Krisen lernt sich auch die Person selber wieder besser kennen. Wir merken, welche Kräfte und Ressourcen wir in der Not haben.»

Ist die heutige Gesellschaft überhaupt noch bereit, Krisen zu bewältigen?

«Ja. Das merke ich im Alltag. Ich lebe bereits seit einigen Jahren in der Schweiz. Ich habe aber das Gefühl, dass die Leute im Wallis beziehungsweise in der Schweiz besser in der Lage sind mit einer Krise umzugehen, als es die Menschen in Deutschland sind. Das liegt eventuell auch daran, dass wir hier mit Witterungsbedingungen wie Lawinen oder Erdrutsch klarkommen müssen. Hier in abgelegeneren Seitentälern sind Menschen damit mehr konfrontiert.»

Interview: Rebecca Schüpfer

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