Geschichte | «Identitäten Teil 2» lockt momentan ins Schloss Leuk und setzt sich mit Heimat auseinander
Auch Erinnerungen sind Heimat
«Weisch nu?» Stöbern in alten Fotos bei «Identitäten Teil 2» im Schloss Leuk: Ganz schnell werden viele Erinnerungen wach.
Foto: Walliser Bote
LEUK-STADT | Ist man jung, will – oder muss – man sie oft verlassen; wird man älter und älter, zieht es manch einen dorthin zurück: So liesse sich Heimat beschreiben. Zumindest, wenn dieser Begriff ausschliesslich örtlich verstanden wird.
Doch: Heimat – was ist dies eigentlich? Antworten darauf sind ebenso unzählig wie verschieden: Was dem einen Wurzeln bedeuten, ist dem andern ein Ort, an dem er sich wohl fühlt. «Ubi bene, ibi patria» – «Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland» – hielt der Römer Marcus Tullius Cicero schon vor mehr als 2000 Jahren fest.
Prägender Ort
Eine einheitliche Definition für Heimat gibt es nicht. «Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellung und Weltauffassung prägen», heisst es bei Wikipedia.
Im Schweizer Recht wird übrigens zwischen Heimat und Wohnsitz unterschieden. Dass jeder Schweizer und jede Schweizerin sowohl einen Heimatort als auch einen Wohnort haben – in den meisten Fällen sind die beiden nicht identisch –, gilt denn auch als Besonderheit. Die meisten anderen Länder kennen nämlich nebst Staatszugehörigkeit nur den Wohnsitz.
Nicht die Natur…
Überaus vielseitig kommen die philosophischen Erklärungen rund um «Heimat» daher. Nur eine ganz kleine Auswahl: «Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären muss», schrieb der Philosoph Johann Gottfried von Herder. «Heimat ist dort, wo die andern einen irrtümlich gut zu kennen glauben», fand der Schriftsteller Gregor Brand. «Wo die Bäume dich kennen, ist deine Heimat», lautet ein sibirisches Sprichwort. Der Märchendichter Hans Christian Andersen stellte fest: «Die Menschen, nicht die Natur, machen ein Land heimisch» – und ein Anonymus unserer Zeiten sprayte an eine Hauswand: «Heimat ist, wo mein Computer steht.»
… sondern Menschen
Rund ums Thema «Heimat» drehte sich kürzlich ein Gespräch im Schloss Leuk. Anlass dazu bot die Ausstellung «Identitäten Teil 2»: Alte Fotos und Filme machen dabei die Vergangenheit von Leuk und Umgebung sichtbar, Gedenkbilder von Verstorbenen lassen Erinnerungen hochkommen, Stammbäume erzählen Familiengeschichten. Und auch die heutigen Zeiten geraten dabei nicht aus dem Blickfeld.
Was kann Heimat einem Menschen bedeuten? Drei Generationen gaben an jenem «Schloss-Gespräch» Antwort, drei Menschen mit verschiedenen Lebensentwürfen kamen zu Wort: Bernadette Zumstein (1926) ist seit jeher in Leuk-Stadt wohnhaft, Sonja Steiner-Grand (1949) kehrte nach Arbeitsjahren in der Deutschschweiz wieder zurück in ihre Heimatgemeinde, Samuel Steiner (1996) pendelt als Student zwischen Basel und Erschmatt. Was sich aus den Worten dieses Trios schliessen liess: Heimat bietet ihnen ihr Dorf, also die Umgebung, in der sie sich wohlfühlen, und in erster Linie sind es die Menschen dort, die Heimatgefühle hochkommen lassen. Also die Familie, der Freundes- und Bekanntenkreis.
Seltener in der Beiz
Was ebenfalls Heimat ausmacht – Erinnerungen. Vor allem solche an die Kindheit und Jugend. Zeiten, die nicht einfach besser oder schlechter waren. Sondern anders – und manchmal schwieriger. Und Erinnerungen sind fast durchwegs mit Mitmenschen verbunden, oft mit solchen, die nicht mehr leben. Was dabei die beiden älteren Semester zudem genauso zur Sprache brachten wie der junge Gesprächsteilnehmer: Aufenthalte auf der Alpe. Also jene Sommer, in denen die Sonne ebenso für braunen Teint sorgte wie das Fehlen von Dusche und Bad.
Was sich am Dorfleben am meisten verändert hat? Nicht nur mehr Häuser und Menschen, nicht nur weniger Landwirtschaft und weniger Dorfläden gibt es heute. Man sehe sich nicht mehr so oft, fanden die beiden Frauen. Eine Dorfbeiz ist nicht mehr «Wohnstube». Also lädt man Freunde eher zu sich daheim ein, anstatt mit ihnen in der Beiz über Gott und die Welt zu diskutieren.
Dann staunen sie
Was eine der Gesprächsteilnehmerinnen berichtet: Immer wieder werde sie von jüngeren Leuten ermuntert zu erzählen, wie es vor 50, 60 Jahren so war. Und beginne sie dann zu erzählen, würden die jungen Leute ganz schnell staunen.
Wie das Leben vor Jahrzehnten in Leuk und Umgebung so war – darüber berichtet «Identitäten Teil 2» im Schloss Leuk noch bis zum 18. Januar. Wer sich dort in Fotos vertieft und sich alte Filme zu Gemüte führt, kann schnell einmal in ein Gespräch mit anderen Besuchern verwickelt sein. «Weisch nu?» und «Kännscht denu da?» – dies waren jedenfalls zwei Sätze, die bei der Eröffnung oft zu hören waren.
Heimat ist halt nicht nur Erinnerung, sondern auch Austausch. Neudeutsch Kommunikation genannt.
Lothar Berchtold








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