Psychologie | Kinder- und Jugendpsychiaterin Josette Huber über den jugendlichen Umgang mit der Corona-Krise

«Diese Ängste auszuhalten, ist nicht einfach»

<b>Viele Fragen.</b> Jugendlichen und Kindern wird derzeit viel abverlangt, sagt Josette Huber. (Symbolbild: Visper Schulbeginn im August 2019)
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Viele Fragen. Jugendlichen und Kindern wird derzeit viel abverlangt, sagt Josette Huber. (Symbolbild: Visper Schulbeginn im August 2019)
Foto: mengis media/Andrea Soltermann

Josette Huber ist als Chefärztin und Abteilungsleiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie im PZO in Brig tätig.
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Josette Huber ist als Chefärztin und Abteilungsleiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie im PZO in Brig tätig.
Foto: zvg

Quelle: 1815.ch 0

Josette Huber, manche Jugendliche haben Probleme, die Notwendigkeit zu verstehen, weshalb jetzt solch drastische Massnahmen gegen die Corona-Ausbreitung notwendig sind. Weshalb?
«In den letzten zwei bis drei Wochen hat sich enorm viel getan, was das Bewusstsein hinsichtlich Corona anbetrifft. Dies hat zu positiven Verhaltensänderungen bei allen Generationen geführt, auch bei den Jugendlichen. Eine Mehrheit der Leute über alle Generationen hinweg halten sich sehr gut an die Empfehlungen und Auflagen von Bund und Kanton. Es gibt eine kleinere Gruppe von Jugendlichen, die sich weiterhin risikofreudig verhält und die Grenzen austestet. Das ist in einem gewissen Masse auch typisch fürs Jugendalter. Die Mehrheit der Jugendlichen, soweit ich das beurteilen kann, zeigt sich jedoch sehr anpassungsfähig und respektiert die neuen Regeln.»

Haben die Jungen generell Mühe, sich mit der älteren Generation solidarisch zu zeigen?
«Das ist nicht meine Wahrnehmung. Es ist beeindruckend zu sehen, wie Jugendliche sich freiwillig melden, um Besorgungen für ältere Menschen zu tätigen und wie sie in Sorge um ihre Grosseltern diese auch entsprechend zu schützen versuchen. Den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird im Moment sehr viel abverlangt.»

Andere sind ganz einfach Corona-Leugner und stecken den Kopf in den Sand. Aufklärung zielt an ihnen vorbei. Weshalb?
«Auch viele Erwachsene wollten die Gefahr zuerst nicht wahrnehmen und dachten, das ist etwas, was sich im fernen Asien abspielt. Die Kinder und Jugendlichen brauchen die Gespräche zu Hause mit ihren Eltern und Zeit, um die Situation zu begreifen. Ein weiterer Aspekt ist der, dass die Corona-Krise existenzielle Ängste auslöst. Es geht um Leben oder Tod. Diese Ängste auszuhalten, ist nicht einfach. Ein Teil der Bevölkerung, nicht nur gewisse Jugendliche, selbst einige Staatsmänner, verdrängt und verleugnet diese Angst und Gefahr.»

Was können Eltern tun, um ihren Jungen klarzumachen, wie sie sich jetzt verhalten sollen?
«Ich empfehle den Eltern, mit gutem Beispiel voranzugehen. Mit Verboten alleine ist es oft nicht getan. Es ist wichtig, mit den Jugendlichen im Gespräch zu bleiben, auch wenn es bisweilen anstrengend ist und sie in Entscheidungen und Absprachen miteinzubinden. Ich empfehle auch den Kontakt zu den für sie wichtigen Personen, die zu den Risikogruppen gehören, telefonisch oder per Skype herzustellen und den Jugendlichen aufzuzeigen, dass wir alle unseren Beitrag leisten können.»

Einen ganzen lieben langen Tag bloss zu Hause zu sitzen, zu lernen und sich an den Eltern reiben, geht an die Nerven. Was können Familien tun, um die Situation für alle erträglich zu gestalten?
«Wichtig ist, dem Familienleben in den kommenden Wochen Struktur zu geben, denn Struktur gibt den nötigen Halt und Sicherheit in einer unsicheren Zeit. Eltern können gemeinsam mit ihren Kindern besprechen, wie ein solcher Tagesablauf aussehen könnte und Fixpunkte definieren wie Zeiträume für die Schulaufgaben, Zeitfenster für den Medienkonsum, fürs gemeinsame Kochen und Essen, aber auch Zeiträume, um sich selbstständig in der Wohnung oder im Freien zu beschäftigen. Soziale Kontakte sind für Kinder und Jugendliche besonders wichtig. Obwohl es für Kinder im Rahmen der geltenden Hygieneregeln weiterhin erlaubt ist, sich in kleinen, definierten Gruppen sehen zu dürfen, sind viele Eltern verunsichert. Das Risiko ist ihnen zu gross. Sie gehen auf Nummer sicher und suchen nach digitalen Möglichkeiten, damit ihre Kinder weiterhin vernetzt sind und gemeinsam lernen und spielen können. Dort, wo Familien an die Grenzen stossen, ist es sinnvoll, sich Hilfe zu holen. In Zeiten von Corona sind wir anfälliger für Beziehungs- und Familienprobleme. Corona kann aber auch eine Chance sein. In der aktuellen Entschleunigung gibt es wieder mehr Zeit für intensive Gespräche, gemeinsame Mahlzeiten, Aktivitäten und Projekte. In der Begegnung entsteht Solidarität und Nähe.»

Weil Jugendliche trotz Corona-Krise zusammenkommen, muss die Polizei ab und zu eingreifen. Bei einem solchen Verhalten droht bald die totale Ausgangssperre. Werden sich die Jungen daranhalten?
«Es ist wichtig, mit den jungen Leuten über die Wichtigkeit und Sinnhaftigkeit der Massnahmen zu sprechen und den Bezug herzustellen mit den für sie emotional wichtigen Menschen, die im Moment besonders gefährdet sind, an Corona zu erkranken. Wenn wir uns an die Auflagen halten, und das betrifft alle Bevölkerungsgruppen, besteht vielleicht die Chance, dass wir um eine totale Ausgangssperre herumkommen.»

Was halten Sie als Kinderpsychiaterin von einer eventuellen generellen Ausgangssperre?
«Die Empfehlungen des Bundesrats sind gut durchdacht und basieren auf Empfehlung von Gesundheitsexperten. Wenn wir uns an die aktuell geltenden Vorschriften konsequent halten, bleibt uns eine solch einschneidende Massnahme hoffentlich erspart. Nach draussen zu gehen und sich im Freien aufzuhalten, ist für viele Menschen, für Jung und Alt, gerade in Zeiten von Stress und Unsicherheit ein wichtiges Ventil.»

Es gibt auch die andere Seite: Manche Jugendliche haben grosse Angst vor Corona. Sie fürchten, dass ihre Grosseltern oder Eltern daran sterben könnten. Wie nimmt man ihnen die Angst?
«Es geht nicht darum, Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen eine real existente Angst auszureden. Dort, wo diese Angst überhandnimmt, ist es ratsam, den Realitätscheck vorzunehmen und über Wahrscheinlichkeiten nachzudenken und aufzuzeigen, dass wir durchaus über Möglichkeiten verfügen, um uns und andere gut zu schützen, indem wir die Hygiene-, Kontakt- und Distanzregeln einhalten.»

Isolation macht aber nicht nur Jugendlichen zu schaffen. Was raten Sie erwachsenen Menschen, wie mit der jetzigen Situation umzugehen ist?
«Ich rate soziale Medien zu nutzen, um Kontakte aufrechtzuerhalten, vermehrt zu telefonieren oder auch zu skypen und mit Nachbarn über den Balkon oder Gartenzaun hinweg weiterhin in Kontakt zu bleiben.»

Alten Menschen wird geraten, ganz auf das Ausgehen zu verzichten. Wie lange kann jemand das konsequent aushalten?
«Wie lange ein Ausgehverbot durchgestanden werden kann, ist von Mensch zu Mensch verschieden und hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem von der Persönlichkeit und Anpassungsfähigkeit, von der Kreativität und der sozialen Vernetzung über Telefon und andere Medien. Vergleichen wir es mit dem Fahrstuhl, viele Leute haben keine Probleme, sich in die beengten Verhältnisse eines Fahrstuhls zu begeben, andere wiederum meiden den Fahrstuhl. Interessant wird es, wenn der Fahrstuhl plötzlich stecken bleibt, auch da sind die Reaktionen der betroffenen Menschen sehr unterschiedlich.»

Viele medizinischen Angebote sind aktuell nur eingeschränkt verfügbar. Wie sieht es mit dem Angebot des PZO und der KJP aus?
«Die psychologische und psychiatrische Grundversorgung ist und bleibt auch in der kommenden Zeit gewährleistet. Wir haben einen Rund-um-die-Uhr-Pikettdienst. Wer Hilfe braucht, wird diese auch während der Corona-Krise erhalten. Viele Kontakte im ambulanten Bereich finden aktuell telefonisch oder per Videokonferenzen statt. In Notfallsituationen und in dringenden Fällen finden Termine unter Einhaltung der geltenden Regeln vor Ort statt. Seit dem 25. März 2020 ist zudem eine Notfallnummer für Leute aus dem Gesundheitssektor und aus anderen helfenden Berufen aufgeschaltet. Eine Hotline für die Bevölkerung steht kurz vor der Realisation.»

Interview: Werner Koder

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Infos

Zur Person

Josette Huber ist im Wallis aufgewachsen und hat an der Uni Zürich das Studium der Humanmedizin absolviert. Anschliessend arbeitete sie einige Jahre im Aargau in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und in der Erwachsenenpsychiatrie Münsingen. Sie ist Mutter eines mittlerweile erwachsenen Sohnes. Seit 2002 arbeitet sie am PZO – von 2002 bis 2009 als Oberärztin auf der Erwachsenenpsychiatrie und von 2009 bis 2016 als Leitende Ärztin in der KJP des PZO. Seit dem Weggang von Dr. Reinhard Waeber im Herbst 2016 ist sie als Chefärztin und Abteilungsleiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig. Die KJP betreibt ein Ambulatorium, eine Tagesklinik mit sechs Plätzen und eine kleine stationäre Einheit im Spital Brig mit zwei Betten.

Kostenlose Unterstützung für Personen in Notlagen

Das Spital Wallis und die KWRO haben unter dem Namen PsyCovid19 ein psychologisches Hilfsangebot erstellt. Dieses Angebot steht der Bevölkerung, den Patienten und dem Gesundheitspersonal kostenlos zur Verfügung und kann ab sofort in Anspruch genommen werden. Damit soll die Koordination der verschiedenen Angebote im Kanton für Menschen in existenziellen, sozialen oder zwischenmenschlichen Notlagen sowie die psychologische Unterstützung des Gesundheitspersonals sichergestellt werden. Die Bevölkerung kann sich an die PsyCovid19-Helpline (027 604 39 88) wenden, die von Fachpersonen des Care-Teams PZO betreut wird. Bei psychiatrischen Notfällen kann sich die Bevölkerung unter der Telefonnummer 027 604 36 50 und ausserhalb der Bürozeiten (Tel. 027 604 33 33) an das Psychiatriezentrum Oberwallis PZO wenden. Im Spitalzentrum Oberwallis ist die psychische Unterstützung der Patienten und ihrer Angehörigen durch den PZO-Konsiliardienst und das Care-Team PZO gewährleistet. Spitalmitarbeitende und Fachpersonen aus medizinischen sowie psychosozialen Institutionen können sich bei Bedarf an das Care-Team PZO PsyCovid19 wenden.

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