Naturschutz | Ein Singvogel als Botschafter für die Qualität unserer Landschaft – mit brutal klingendem Namen

Der gefiederte Zorro

Wie geschaffen. Solche Dornbüsche in Hecken sind als Nistplatz für Neuntöter bestens geeignet.Foto BirdLife Schweiz
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Wie geschaffen. Solche Dornbüsche in Hecken sind als Nistplatz für Neuntöter bestens geeignet.Foto BirdLife Schweiz
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Männchen. Typisch sind die schwarze Augenbinde und der rostrote Rücken.Fotos Daniel Heldner
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Männchen. Typisch sind die schwarze Augenbinde und der rostrote Rücken.Fotos Daniel Heldner
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Weibchen. Dank seinem mattbraun gefärbten Federkleid ist es ideal getarnt.
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Weibchen. Dank seinem mattbraun gefärbten Federkleid ist es ideal getarnt.
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Quelle: WB 0

Oberwallis | Der Neuntöter, ein Würger und Spiesser, benötigt Dornbüsche in Hecken als Nistplatz und Magerwiesen mit vielen Insekten. Um seinen Namen ranken sich Legenden.

Daniel Zumoberhaus

Er heisst Neuntöter und ist stolzer Vogel des Jahres 2020. Er ist der einzige von vier Arten aus der Familie der Würger, der heute noch in der Schweiz und im Oberwallis brütet. Das Fehlen grossflächiger, zusammenhängender und extensiv genutzter Wiesenflächen mit Hecken, Feldgehölzen und Obstbäumen ist den anderen drei Arten zum Verhängnis geworden. Auch um den Neuntöter steht es nicht besonders gut, weshalb ihm in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Unverdauliche Reste

Die Würger, wie die Familie der Neuntöter heisst, scheiden unverdauliche Reste verzehrter Beutetiere (Haare, Knochen, Federn, Chitinteile von Insekten) in Form kleiner Speiballen aus. Davon leitet sich ihr Name ab. Neben dieser Bedeutung kommt auch die für einen relativ kleinen Singvogel ungewöhnliche Lebensweise in Betracht, von der er auch seinen brutal klingenden Namen erhielt.

Als Nahrungsreserve beziehungsweise zur Bearbeitung spiesst der Neuntöter Insekten, kleine Vögel oder gar Mäuse auf Dornen oder spitze Zweige auf. Früher hatte man gar fälschlicherweise angenommen, dass er immer erst neun Tiere aufspiesst, bevor er eines wieder verzehrt.

Zorro der einheimischen
Vogelwelt – wegen Augenbinde

Das prächtig gefärbte Männchen ist mit seiner Augenbinde der Zorro der einheimischen Vogelwelt, während das Weibchen mit dem mehrheitlich mattbraun gefärbten Federkleid beim Brüten ideal getarnt ist.

Ein typisches äusserliches Merkmal dieser Singvögel ist zudem ihr falkenähnlicher Oberschnabel: «Dieser ist wie bei Greifvögeln mit einem sogenannten Falkenzahn versehen, einem Zacken an der seitlichen Schneidekante des Oberschnabels, der beim Beutefang behilflich ist», erklärt Christian Raboud von BirdLife Oberwallis, dem einstigen Natur- und Vogelschutzverein Oberwallis. Seit der Generalversammlung Mitte März heisst der Oberwalliser Verein ebenfalls BirdLife, gleich wie sein grosser Bruder BirdLife Schweiz.

Symbol für Heckenbrüter

Der Neuntöter ist zum Symbol für ­Heckenbrüter schlechthin geworden. Der Bewohner niedriger Dornhecken und extensiv genutzter Kulturlandschaften ist wie viele andere Vogel­arten heute viel seltener als früher. Um eine ganze Population Neuntöter zu erhalten, müssen Dornhecken als Nistplatz und Magerwiesen mit Insekten als Beute netzartig über die Landschaft verteilt sein. Der Neuntöter ist deshalb ein guter Botschafter für den Zustand unserer Kulturlandschaft: Hecken der Heckenlandschaft dienen als Abgrenzung der Felder. Zudem schützen sie vor Wind, Austrocknung und Bodenerosion. Sie sind auch wichtige Rückzugsrefugien und Verbindungskorridore für die ländliche Tier- und Pflanzenwelt.

Früher überall verbreitet, kommt der Neuntöter heute in der Schweiz nur noch an mageren Standorten vor allem im Jura und in den höheren Alpenregionen vor. Im Mittelland gibt es im Kulturland nur noch vereinzel-
te Paare. «Bei Meliorationen ab den 1960er-Jahren wurden Hecken und Buschgruppen in grosser Zahl unkontrolliert und aus falschem Ordnungsfimmel heraus aus dem Kulturland entfernt», sagt Raboud .

Zudem seien die Insektenbestände im Kulturland wegen des Einsatzes von Gülle und Kunstdünger, von Herbiziden und Pestiziden sowie des viel­fachen Schnitts der Wiesen und der Vernichtung vieler Kleinstrukturen
in den letzten Jahrzehnten markant eingebrochen. «Diese Entwicklung schreitet heute leider bis weit in die Alpentäler hinauf ungebremst fort. Sie entzieht damit dem Neuntöter und anderen selten gewordenen Vögeln ihre Nahrungsgrundlage», führt Raboud weiter aus.

Bestand hat sich halbiert

Es sei ein Alarmzeichen, dass sich der Bestand des Neuntöters in den letzten 30 Jahren halbiert habe. Die Investitionen in Milliardenhöhe in die Landwirtschaft durch den Bund begüns­tigten grösstenteils eine Produktion, welche weder auf die Biodiversität noch auf Böden und Wasser ausreichend Rücksicht nimmt.

BirdLife Schweiz und mit ihm BirdLife Oberwallis fordert daher ein massives Umdenken in der Subventionspolitik für die Landwirtschaft. Sie wollen die Unterstützung und rasche Umsetzung der ökologischen Infrastruktur, der unter anderem vernetzte und funktionsfähige Lebensräume zugrunde liegen und die zu wirtschaftlichem Wohlstand sowie zur Lebensqualität der Bevölkerung beitragen sollen.

Wie können wir dem Neuntöter auch im Oberwallis helfen? Projekte von BirdLife Schweiz zeigen, dass dies in enger Zusammenarbeit mit engagierten Landwirten und kantonalen Behörden möglich ist. Durch die Anlage von neuen Hecken und Buschgruppen, durch die Aufwertung von Wald- und Rebbergrändern und mit neuen Magerwiesen sowie offenen Streifen in intensiv genutzten Wiesen nehmen die Bestände an diesen Orten wieder zu.

Wo es noch seltene blütenreiche Standorte gibt, können Buschgruppen mit Dornensträuchern Niststandorte bieten. Davon profitieren auch sehr viele Insektenarten, Kleintiere und andere Vogelarten wie Dorngras­mücke und Goldammer. «Es ertönt an solchen Standorten ein Gezwitscher und Gesumme, das viele ältere Jahrgänge noch aus ihren Kinderjahren kennen», so Raboud.

Der Neuntöter brauche zwingend vernetzte Lebensräume aus mageren Flächen und Hecken mit Dornbüschen über die ganze Landschaft verteilt, berichtet Raboud weiter: «Im Oberwallis hat es dazu noch Platz», ist er überzeugt. Im Perimeter der zwei Ober­walliser Naturparks Pfyn-Finges und Binntal sowie des UNESCO-Welterbes Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch sind Lebensraumnetze mit Heckenlandschaften projektiert, in Ausführung oder teilweise abgeschlossen. Auch im Siedlungsraum könnten Besitzer von Ein- und Mehrfamilienhäusern durch das Pflanzen einzelner einheimischer Niederhecken und Sträucher «anstelle der standortfremden und exotischen Thuja, Lorbeer und Co.» sehr einfach zu mehr Artenvielfalt beitragen. Raboud: «Und so zu einem wichtigen Mosaikstein zur ökologischen Infrastruktur werden.»

Weibchen legt den definitiven Standort fürs Nest fest

Gewöhnlich kehren die Neuntöter Anfang Mai aus ihrem Winterquartier im südlichen und östlichen Afrika zurück ins Oberwallis und in die Schweiz. Sofort nach der Ankunft besetzt das Männchen ein Revier und lockt mit seinem melodiösen Gesang ein Weibchen an. Balzflüge wie auch Geschenke in Form von Nahrung sollen das Weibchen zusätzlich beeindrucken.

Beide besichtigen sie potenzielle Standorte fürs Nest. Am Weibchen liegt es jedoch, sich auf den definitiven Standort festzulegen. Dort legt es in den kommenden Tagen bis zu sieben Eier, aus denen nach 15 Tagen die Jungen schlüpfen. In der Regel macht der Neuntöter nur eine Brut. Die Altvögel ziehen bereits ab Mitte Juli wieder nach Afrika – die Jungen folgen später nach.

Daniel Zumoberhaus

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