EHC Visp | Der grösste Walliser Sportklub neben dem FC Sitten kämpft gegen die Corona-Folgen. Richtig Gefahr droht ­jedoch von der nächsten Saison 2020/21

Was wenn?

«Sport wird oft
angesehen als
spassig und sympathisch, aber eigentlich unnötig. Dabei sind wir ein Kleinunternehmen, Teil der Wirtschaft»
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«Sport wird oft
angesehen als
spassig und sympathisch, aber eigentlich unnötig. Dabei sind wir ein Kleinunternehmen, Teil der Wirtschaft»
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«Dann wäre die Katastrophe perfekt». Wann startet die nächste Saison? Mit oder ohne Fans, wie hier beim letzten Geisterspiel
in der Lonza Arena?Fotos mengis media/Alain amherd und Andrea Soltermann
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«Dann wäre die Katastrophe perfekt». Wann startet die nächste Saison? Mit oder ohne Fans, wie hier beim letzten Geisterspiel
in der Lonza Arena?Fotos mengis media/Alain amherd und Andrea Soltermann
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Quelle: WB /rlr 0

Noch ist für den EHC Visp nicht absehbar, wie die nächste Eishockeysaison 2020/21 aussehen wird. Geht es wie immer Mitte September los? Sind Fans und Sponsoren erlaubt? Die Antworten auf diese Fragen bergen nämlich Zündstoff.

Roman Lareida

Eine Meldung aus dem sehr fernen Osten hat zuletzt aufhorchen lassen, nur ist sie weitgehend untergegangen. Admiral Wladiwostok wird wegen der Folgen der Corona-Pandemie in der nächsten Saison nicht an der KHL (Kontinental Hockey League) teilnehmen.

Der erste Rückzug

Die Behörden der Region haben die finanzielle Unterstützung für den Profisport vorerst gestrichen. Eine Teilnahme an der russischen Topliga in der kommenden Saison sei somit nicht möglich, hiess es aus Wladiwostok, der Stadt am japanischen Pazifik. Wie die KHL verlautbaren liess, wird Admiral in der übernächsten Meisterschaft 2021/22 wiederum am Ligabetrieb teilnehmen.

Mittlerweile appellierte KHL-Präsident Alexej Morosow an die weiteren Teams, keine «vorschnellen Entscheidungen zu treffen». Man könne «alle Themen besprechen und eine Lösung finden».

Das ist eine besonders ex­treme Folge der wirtschaftlich unsicher gewordenen Zeit. Schlimmer wäre nur noch das Verschwinden eines Klubs. So weit ist es natürlich nicht, vielleicht noch nicht. Zu viel ist aktuell noch unklar. Die Klubs sind derzeit daran, die Scherben der abgebrochenen Saison zusammenzukehren. Der EHC Visp hat insofern noch Glück gehabt, als die gesamte Qualifikation und die Spiele bis zu den Halbfinals ausgetragen werden konnten – mit einem Geisterspiel bloss. Nicht daran zu denken, wenn alles im Herbst begonnen hätte.

Doch die echte Gefahr lauert in der nächsten Meisterschaft. Angesichts der heutigen Lage stellt sich die Frage: Was wird aus der Meisterschaft 2020/21, die Mitte September starten soll? Führende Epidemiologen gehen davon aus, dass im Jahr 2020 keine Grossveranstaltungen mehr durchgeführt werden können, wobei sie in erster Linie vom Fussball gesprochen haben. Aber in Bern gehen 16 000 Eishockey schauen, das Walliser Derby zieht über 4000 Fans an. Kein Wunder, lancieren die Klubvertreter der Swiss-League- Klubs in der nächsten Woche eine Telefonkonferenz. Dabei werden sie sich auch mit dieser Frage beschäftigen. Sébastien Pico, CEO des EHC Visp: «Ich gehe davon aus, dass gespielt wird. Aber mit, ohne oder mit wie vielen Fans? Das ist jedoch bloss eine Annahme.»

Wie setzen sich Visps
Einnahmen zusammen?

Klar sind die Teams aus der National League besonders betroffen. Ein guter ausländischer Spieler kostet hier eine Million Franken. Den Nettolohn kann man nahezu verdoppeln, denn dazu kommen für den Klub Unfallversicherung (25 Prozent), Sozialabgaben Arbeitnehmer/geber (15 Prozent) sowie Steuern, Auto, Wohnung und Klavierstunde für die Ehefrau. In der Swiss League kostet ein guter Ausländer den Klub gut 200 000 Franken. Das Duo Hazen/Devos dürfte bei Ajoie je auf einen Nettolohn von rund 120 000 Franken kommen, in Visp bekommt keiner der beiden Importspieler über 100 000 Franken ausbezahlt. Der maximal versicherte Verdienst gemäss der Arbeitslosenversicherung (ALV) beträgt knapp 150 000 Franken, das trifft die Swiss-League-Klubs also nicht. Die hohen Löhne aus der National League sind nicht abgedeckt. Das ist der Grund, weshalb Klubs aus der oberen Liga mit der Besetzung aller Ausländerposten zuwarten. Gleichwohl hängt für Visp und Co. sehr vieles von der Entwicklung der nächsten Wochen und Monate ab.

Es lohnt sich erst mal, einen Blick auf die Einnahmen des 5-Millionen-Budgets des EHC Visp zu werfen. Grob gerechnet sehen die so aus: Zwei Millionen stammen von den Sponsoren, zwei Millionen aus den verkauften Saisonabos und Einzeleintritten und eine Million von weiteren Bereichen wie TV-Gelder und Gastronomie.

Daraus lässt sich erkennen, wie einschneidend eine Saison ohne Fans sein würde, auch wenn das Verbot bloss ein paar Monate dauern würde. Pico: «Wenn wir im Sommer immer noch nicht wissen, ob Fans zugelassen sein werden, dann haben wir massiv Probleme.» Im Gegensatz zum Fussball, wo teils enorm grosse TV-Summen bezahlt werden und ein Geisterspiel gleichwohl Geld einbringt, ist ein Eishockeyklub ohne Mäzen wie Visp von den Fans und Sponsoren abhängig.

Ein Verbot würde nämlich nicht bloss das Ticketing, sondern auch den Business- und Gastrobereich treffen. Allein aus dem Businessklub und dem Dine-and-View-Konzept resultieren 800 000 Franken Einnahmen. Dazu kämen auch die Restauration sowie Events wie das Nationalmannschaftsturnier im Dezember. «Ohne Publikum», so Pico über das Unvorstellbare, «wäre die Katastrophe perfekt. Dann bräuchte es neue Massnahmen, ansonsten wäre das das Ende.»

Klar handelt es sich hierbei um den schlimmstmöglichen Ausgang, von dem heute niemand ausgeht. Aber er offenbart die Bedeutung eines Sportklubs. Pico: «Wir haben in der Schweiz Freude an Roger Federer oder Nico Hischier, wie sie ein Vorbild für unsere Jugend sind. Aber wenn es um eine gewisse Anerkennung geht, was dann? Sport wird oft als ein Nice-to-have angesehen, etwas, das spassig und sympathisch ist, aber nicht nötig. Dabei sind wir Kleinunternehmen, Teil der Wirtschaft. Unser ökonomischer und gesellschaftlicher Wert ist unterbewertet.» Das hat auch mit der fehlenden politischen Lobby des Sports zu tun. Allein der EHC beschäftigt 50 Fixangestellte (inklusive Spieler) sowie 50 Teilzeitangestellte.

Abkehr oder Lust?

Auch wenn die Saison normal starten wird, sind die Auswirkungen schwer abzuschätzen. Wird es vorsichtige Zuschauer geben, die trotzdem fernbleiben? Gibt es Sponsoren, die sich eine Beteiligung nicht mehr leisten wollen und können? So ist beispielsweise der Sponsoringbeitrag von Provins unsicher, da ein Besitzerwechsel bevorsteht. Dabei handelt es sich immerhin um ein Geschäft von 60 000 Franken. Überhaupt sind von den zwei Millionen Sponsorengeldern noch 650 000 Franken ausstehend. Sind diese Gelder überhaupt noch zu finden? Das dürfte sich als schwierig erweisen, je länger die Beschränkungen andauern. Das restlich zugesicherte Sponsoring stammt aus Mehrjahresverträgen, aber das abgemachte Geld muss auch hier erst mal fliessen. Pico: «Es kann auch sein, dass die Menschen danach erst recht Lust und Hunger auf Abwechslung, Unterhaltung und Sport haben werden.»

Ausländer: Kein Verzicht

Da der EHC Visp im Normalfall 80 Prozent der Abos für die nächste Meisterschaft bis im Sommer verkauft, war für Liquidität weitgehend gesorgt. Am 1. Mai startet nämlich die Saison, damit sind die ersten Löhne an die Spieler fällig (auch Versicherungen, Miete, Leasingverträge usw.). Doch ein Aboverkauf ist nicht möglich, solange Unsicherheit herrscht. Darum hat der Klub einen Überbrückungskredit beim Bund beantragt und auch bekommen. Dieser beläuft sich auf 10 Prozent des Umsatzes, also 500 000 Franken.

Den Verzicht auf einen Ausländer will der EHC nicht ins Auge fassen, da er von der normalen Wiederaufnahme ausgeht. Das wäre auch zu spät. Das Team 20/21 steht, die Verträge waren früh abgeschlossen, die Lohnkosten betragen drei Millionen Franken. «Unsere Angestellten wollen wir so lange wie möglich schützen», so Pico. Auch mit der Gemeinde will der Klub das Gespräch suchen. Die Hallenmiete kostet 240 000 Franken pro Saison.

Eine Sicherheit hat der Klub trotz allem nicht.

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Sébastien Pico
CEO EHC Visp
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