Gelson Fernandes | Einzel-Quarantäne, zehn Klubs in zehn Jahren, der Weg zurück und die Zukunft bei der Eintracht

«Ich möchte in Frankfurt meine Karriere beenden»

Einzel-Quarantäne. Zwei Wochen alleine ohne jeglichen Kontakt in seiner Wohnung, «es war eine lange Zeit». Foto zvg
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Einzel-Quarantäne. Zwei Wochen alleine ohne jeglichen Kontakt in seiner Wohnung, «es war eine lange Zeit». Foto zvg
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Der bleibende Moment. Gelson Fernandes erzielte an der WM 2010 in Südafrika gegen Torhüter 
Casillas und den späteren Weltmeister Spanien das 1:0-Siegestor, seine international wichtigste 
Szene überhaupt. Foto keystone
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Der bleibende Moment. Gelson Fernandes erzielte an der WM 2010 in Südafrika gegen Torhüter 
Casillas und den späteren Weltmeister Spanien das 1:0-Siegestor, seine international wichtigste 
Szene überhaupt. Foto keystone
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Noch einmal? Gelson Fernandes möchte noch einmal für Eintracht Frankfurt jubeln, in dieser oder in der nächsten Saison. Foto keystone
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Noch einmal? Gelson Fernandes möchte noch einmal für Eintracht Frankfurt jubeln, in dieser oder in der nächsten Saison. Foto keystone
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Quelle: WB 0

Hans-Peter Berchtold

Als andere erst davon hörten, war er schon direkt betroffen. Am 19. März wurde publik, dass sich zwei Profis und zwei Mitarbeiter des Bundesligisten Eintracht Frankfurt mit dem Coronavirus angesteckt hatten. Alle mussten in Quarantäne, unter ihnen der Walliser Gelson Fernandes. Beim 33-Jährigen fiel
der Test negativ aus, trotzdem musste auch er zwei Wochen lang ohne persönlichen Kontakt nach aussen bleiben. Für ihn hiess das Einzel-Quarantäne, weil seine Frau mit der Tochter kurz vorher ins Wallis zurückgekehrt war.

Vertrag läuft aus

Am letzten Donnerstag wurde die Quarantäne aufgehoben, Gelson Fernandes ist dabei nicht untätig geblieben. Bereits vor dem Vorfall arbeitete er im Home- und Krafttraining intensiv an seinem Comeback, nachdem er sich im Trainingslager im Januar einen Bänderriss an der Hüftbeuge zugezogen hatte und in München operiert werden musste. Im Herbst gehörte der Routinier noch zu den Teamstützen, nun fiel er monatelang aus und bangt um seine Zukunft bei Eintracht Frankfurt, da sein Vertrag hier im Sommer ausläuft.

Sportvorstand Fredi Bobic sprach zuletzt von einer schwierigen Entscheidung, ob der Schweizer bei der Eintracht noch eine Zukunft hat. Die aktuelle Krisensituation könnte Gelson entgegenkommen, nach dem längeren Meisterschaftsunterbruch wird kaum viel Geld für Zuzüge vorhanden sein.

Und bei ihm weiss man, was man hat.

Egal, wie es kommt, Gelson Fernandes ist sich an Veränderungen gewöhnt. Nach seinem Wechsel 2007 vom FC Sitten zu Manchester City hat er anschliessend bei St-Etienne, Chievo Verona, Leicester City, Udinese, Sporting Lissabon, dem SC Freiburg und Stade Rennes gespielt, 2017 unterschrieb er bei der Eintracht.

Zehn Klubs
in zehn Jahren

2013 gab es auch eine halb-
jährige Rückkehr zu seinem Stammklub Sitten. Zehn verschiedene Vereine aus sechs verschiedenen Ländern zwischen 2007 und 2017, so was ist rekordverdächtig.

Gelson Fernandes ist der einzige Schweizer überhaupt, der in Frankreich, Deutschland, Italien und England ein Ligator in der jeweils höchsten Spielklasse erzielt hat. Er war und ist für sein jeweiliges Team auf und neben dem Platz wichtig, der 62-fache Nationalspieler gilt zudem als absolutes Sprachtalent. Mit Kreolisch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Englisch, Deutsch und Chinesisch spricht Fernandes satte acht Sprachen – eine Leidenschaft, die ihm zum einen leichtfällt, aber zum anderen auch viel Freude bereitet: «Das ist eines meiner grössten Talente.»

125 erfolgreiche
Grätschen in einer Saison

Einen zweifelhaften Rekord schaffte er 2018 im deutschen Cup-Halbfinal mit Frankfurt gegen Schalke 04. 33 (!) Sekunden nach seiner Einwechslung mähte er Gegenspieler Goretzka um – und sah direkt «Rot». Damit verpasste Gelson das grandiose Endspiel mit dem Sieg über die Bayern.

2015 wurde er von der «Gazzetta dello Sport» als Eisenfuss und «Grätschenkönig» bezeichnet, Italiens Fussball-Bibel hatte bei Gelson in einer Saison 125 erfolgreiche Grätschen errechnet. Solche Abräumer im Zentrum sind gefragt. Das Onlineportal «spielerbox.de» weist für den Walliser ein Bruttogehalt bei der Eintracht von 1,8 Millionen Euro aus, was pro Monat 150 000 Euro ausmacht. Spitzenverdiener wie er müssen indes in Deutschland 45 Prozent ihres Gehalts als Einkommensteuer abliefern.

«Für mich ist klar, dass wir Spieler finanziell einen Beitrag leisten»

Gelson Fernandes absolvierte in Frankfurt vor seiner Verletzung im Herbst eine starke Vorrunde, stand bei neun Meisterschafts- und neun Europa-League-Partien auf dem Platz und fungierte dabei teils auch als Captain. Anfang des Jahres schien es, als ob für ihn die Saison nach seiner Operation an der Hüfte gelaufen sei. Doch das Aufbautraining zeigte Wirkung, und so erhofft sich der defensive Mittelfeldspieler ein Comeback in dieser Saison, falls denn die Meisterschaft wirklich zu Ende gespielt werden kann.

Gelson Fernandes, in der letzten Woche beendeten Sie eine Einzel-Quaran-
täne, die 14 Tage lang
andauerte. Wie haben Sie die überstanden?

«Das war nicht einfach ohne meine Familie, ich bin ohnehin gerne unter Menschen. Das Joggen hat mir gefehlt, zumindest hatte ich hier in meiner Wohnung eine Terrasse.»

Es gab seitens des Vereins nach den infizierten
Teamkollegen ein absolutes Verbot, die Wohnung zu verlassen?

«Ja, das war so. Ich konnte nicht einmal etwas einkaufen gehen. Doch der Verein hier ist top
organisiert. Man stellte den Spielern sogar das Essen vor die Haustüre, und jeder erhielt einen Hometrainer geliefert, um einigermassen fit zu bleiben. Trotzdem, es waren lange zwei Wochen.»

Wie lief der Kontakt mit den Teamverantwortlichen?

«Jeder erhielt ein Konditionsprogramm, das so gut wie möglich umgesetzt werden sollte. Man musste schon etwas kreativ sein, doch das gilt derzeit für jeden Fussballprofi. Aber klar, man vermisst den Ball und das Gefühl, in einem Team zu sein.»

Und der Kontakt zu
den Mitspielern?

«Der lief in der Quarantäne
regelmässig über Skype oder unsere WhatsApp-Gruppe. Man kann eine solche Zeit nutzen, um die Beziehung mit Mitmenschen zu verbessern und zu vertiefen.»

Bei Eintracht Frankfurt wurden relativ früh zwei Teamkollegen mit dem Coronavirus infiziert, macht man sich da Sorgen um die eigene Gesundheit?

«Den beiden betreffenden Mitspielern geht es wieder besser. Sicher besteht innerhalb einer Mannschaft in so einem Fall ein gewisses Risiko. Doch ich und alle anderen des Teams wurden einem Virustest unterzogen, meiner fiel negativ aus. Jetzt sind alle wieder gesund, das ist das Wichtigste. Es ist eine schwierige Zeit für die gesamte Welt.»

Wie geht es nach der Quarantäne nun weiter, sind demnächst wieder Trainings mit dem Ball in
kleinen Gruppen geplant?

«Man muss zuwarten, wie sich die Situation entwickelt. Derzeit gibt es wieder im Innern des Stadions Physistraining sowie mit Ball auf dem Platz in kleinen Gruppen mit genügend Abstand zueinander.»

Bei den Bundesliga-Vereinen ist die Diskussion angelaufen, dass die Profis auf einen Teil ihres Salärs verzichten sollen, um den Verein finanziell am Leben zu erhalten. Auch bei Eintracht Frankfurt?

«Noch nicht konkret, aber das wird bestimmt erfolgen. Für mich ist klar, dass die Spieler ihren Teil dazu beitragen, dass der Verein keinen existenziellen Schaden nimmt. Was wir derzeit mit dem Coronavirus durchmachen, das ist historisch. Doch das ändert nichts daran, dass wir als Fussballprofis privilegiert sind, was das Salär betrifft. Der Klub unternimmt alles, damit seine Angestellten Ende des Monats bezahlt werden können. Auch die Zuschauer hier mit 50 000 pro Heimspiel sind unglaublich. Alle müssen ihren Beitrag leisten, damit ein Klub wie Eintracht Frankfurt finanziell überlebt. Wir Profis als Erste.»

Im Januar ein Bänderriss in der Hüftbeuge als erste grosse Verletzung überhaupt in Ihrer Karriere.

«Die Zeit der langen Reha und das Aufbautraining, das war für mich neu, ungewohnt und schwierig. In den ersten vier Wochen nach der Operation konnte ich zurück ins Wallis zur Familie. Das war das Beste an der Verletzung.»

«Ich bin fit
und könnte
wieder spielen»

Gelson Fernandes

Und jetzt?

«Ich bin zu 100 Prozent fit und könnte wieder spielen.»

Zuerst hiess es, für Sie sei die Saison gelaufen. Also stehen Sie in dieser Saison wieder auf dem Platz, wenn es weitergeht?

«Ja, damit rechne ich. Doch in der Bundesliga sind wir noch weit weg von einer Fortsetzung der Meisterschaft.»

Ihr Vertrag läuft Ende
Saison bei Eintracht Frankfurt aus. Hat es schon Gespräche mit Sportchef Fredi Bobic
gegeben, wie es weiter-
gehen soll?

«Gespräche mit ihm haben stattgefunden, zwischen uns ist alles klar. Er weiss, was ich für Vorstellungen habe.»

Was heisst das konkret?

«Fredi Bobic ist nicht nur mein Sportchef, er ist in den letzten drei Jahren auch zu einem Freund geworden. Als ich hier angefangen habe, versprach ich ihm, auf und neben dem Platz alles zu machen, damit dieses Team weiter nach vorne kommt. Das ist uns gelungen, die Eintracht ist heute nicht nur sportlich ein toller Verein.
Stehen wir jetzt als Gemeinschaft erst einmal die schwierige Zeit durch. Dann entscheiden wir Ende Saison, ob und wie es mit mir hier weitergeht.»

Sie schwärmen bei zehn Vereinen in zehn Jahren offensichtlich von Ihrem jetzigen Klub.

«Für mich ist eines klar: Eintracht Frankfurt wird meine letzte Station als Spieler sein, wann auch immer. Ich möchte hier meine Karriere beenden. Ich möchte aufhören mit diesen Bildern im Kopf, mit diesen Emotionen, die ich hier erlebt habe. Am Ende der Karriere als Fussballer eine solche Ambiance zu erleben wie hier in Frankfurt, da gibt es nichts Besseres.»

Somit war oder ist die Zeit bei Eintracht Frankfurt eine Ihrer schönsten als Profi.

«Ich habe es genossen, nochmals auf diesem Niveau spielen zu können. Der Verein, die Fans und die Stadt, hier stimmt alles für mich.»

2013 gab es für Sie eine halbjährige Rückkehr zum FC Sitten. Sie werden Ihre Karriere somit nicht beim Stammverein beenden, eine zweite Rückkehr als Spieler ins Wallis wird es nicht geben?

«Nein, das ist für mich nicht denkbar.»

Warum nicht?

«Der FC Sitten hat derzeit wohl andere Probleme als die Verpflichtung von neuen Spielern…»

Wie haben Sie aus der
Ferne die Vorkommnisse bei Ihrem Stammklub
beurteilt, mit dem Abstiegskampf und der
fristlosen Entlassung von neun Spielern?

«Was zuletzt passiert ist, war nur eine Frage der fehlen-
den Kommunikation. Man hätte sich seitens des Präsidenten oder des Sportchefs die Zeit nehmen sollen, um den Spielern die neue Situation zu erklären. Dann wäre alles anders herausgekommen.»

Ist ein Karriereende für
Sie absehbar?

​«Ich kann mir vorstellen, eine weitere Saison bei Eintracht Frankfurt zu spielen. Doch ich habe keine Angst vor der Zeit danach.»

Was kommt dann?

«Ich möchte dem Fussball erhalten bleiben. Ich kann mir für mich Funktionen vorstellen als Sportchef, Manager, Coach oder eine Tätigkeit beim Fussballverband, vieles ist denkbar. Ich kann einiges an Erfahrung
mitbringen.»

«Zurück zum
FC Sitten? Das
ist für mich nicht denkbar»

Gelson Fernandes

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