Wirtschaft | Rebecca Guntern Flückiger, Mitglied der Geschäftsleitung von Sandoz, im Gespräch
«Eine Karriere ist nur begrenzt planbar»

Powerfrau. Seit dem 1. Januar zieht Rebecca Guntern Flückiger beim Generikageschäft von Novartis die Fäden.
Foto: zvg
Thalwil/Brig-Glis | Seit dem 1. Januar 2020 verantwortet die Oberwalliserin Rebecca Guntern das Europageschäft der Generikadivision von Novartis und wurde zeitgleich in die Geschäftsleitung von Sandoz berufen. Aufgewachsen ist die 48-Jährige im Wallis.
Frau Guntern Flückiger, Sie sind im Wallis aufgewachsen, Ihr Vater ist der ehemalige Preisüberwacher Odilo Guntern. Heute leben Sie in Thalwil. Haben Sie noch engen Kontakt ins Wallis?
«Selbstverständlich – meine Eltern, mein Bruder und ein Grossteil meiner Verwandtschaft lebt im Wallis. Deshalb verbringe ich gerne so viel Zeit wie möglich im Wallis. Natürlich habe ich auch noch viele schöne Erinnerungen und auch Freundschaften aus meiner Kindheit. So ist jeder Besuch im Wallis immer auch eine schöne Reise in meine Vergangenheit, die geprägt war von Natur und Familie.»
Sandoz betreibt als Tochtergesellschaft von Novartis das Geschäft mit den Generikas. Wie unterscheidet sich dieses vom Geschäft mit patentgeschützten Medikamenten?
«Grundsätzlich haben wir sehr viele Gemeinsamkeiten mit dem Geschäft der patentgeschützten Medikamenten. Unsere Aufgabe ist es möglichst vielen Patienten Zugang zu hochqualitativen, kostengünstigen Medikamenten zu ermöglichen. In Europa arbeiten wir in über 40 Ländern, in denen es teilweise nicht so einfach ist, qualitativ hochwertige Medikamente zu erhalten wie bei uns. Mit über 1 Milliarde Packungen pro Jahr sind wir sehr relevant für das Gesundheitssystem in Europa und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Kostenreduktion. Was wir machen ist sehr stark von unserem „purpose“, unserem „Zweck“ getrieben.»
Sie waren bisher für ein Länder-Cluster verantwortlich zu dem neben der Schweiz auch Spanien und Grossbritannien gehörten. Nun dehnt sich ihr Aktionsfeld auf den gesamten europäischen Kontinent inklusive Russland aus. Welche spezifische Herausforderung ist das für Sie?
«Aktuell bin ich intensiv damit beschäftigt, die Länder und damit verbunden die Kultur kennenlernen, was natürlich mit einer vermehrten Reisetätigkeit verbunden ist. Es ist sehr spannend zu sehen, welche Möglichkeiten wir in den unterschiedlichen Ländern haben um den Zugang für Patienten zu Medikamenten weiter auszubauen. Obwohl die Märkte die sich von Russland nach Portugal erstrecken sehr unterschiedlich sind, kann ich deutlich eine „Sandoz Kultur“ erkennen, Werte die uns wichtig sind und die alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Europa vereint. Für mich ist diese Kultur und auch das gemeinsame Verständnis des Unternehmenszwecks enorm wichtig. Wir können langfristig nur erfolgreich sein, wenn wir alle das gleiche Verständnis darüber haben, warum wir jeden Tag zur Arbeit gehen. Darin sehe ich auch einen grossen Teil meiner Rolle: Ich möchte die Mitarbeiter für unser Unternehmen und unsere Vision begeistern und ein Umfeld schaffen wo jede(r) ihr/sein Bestes geben kann. Ich bin überzeugt, dass dies ein wichtiger Bestandteil des langfristigen Unternehmenserfolg ist und ich persönlich diese Kultur auch aktiv beeinflussen möchte.»
Sie engagieren sich in der Frauenförderung, zum Beispiel bei «Advance – Women in Business». Was machen Sie da konkret?
«Mir liegt generell die Förderung von jungen Talenten und bei Advance spezifisch jungen Frauen sehr am Herzen. Ich finde dies eigentlich die wichtigste Aufgabe einer Führungsperson. Bei Advance engagiere ich mich gemeinsam mit 80 weiteren Firmen für die gezielte Förderung von Frauen im mittleren Management. Wir organisieren spezifische Mentoring Programme und organisieren Veranstaltungen die es den Frauen ermöglichen ein breites Netzwerk über Unternehmensgrenzen hinweg aufzubauen. Ein wichtiger Bestandteil in jeder beruflichen Karierre.»
Sie selbst schafften es bereits in relativ jungen Jahren, mit 36, als Managerin bei Sandoz Verantwortung zu übernehmen. Welche Voraussetzungen sind für eine Frau notwendig, eine solche Karriere zu schaffen?
«Nun, so etwas kann man glaube ich schwer verallgemeinern und eine Karierre ist nur begrenzt planbar. Es gehört immer auch ein bisschen das Glück dazu, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Wovon ich allerdings überzeugt bin ist, dass es ein gewisses Mass an Risikobereitschaft, Neugierde, Durchhaltevermögen und letztlich Leidenschaft braucht. Es ist diese Passion, diese Leidenschaft, gemeinsam mit einem Team etwas zu bewirken, die mich täglich antreibt. Das wichtigste ist jedoch, dass man auf die Unterstützung und das Verständnis des Ehepartners und der engsten Familie zählen kann.»
Anstatt sich auf die öffentliche Hand zu verlassen, müssten die Unternehmen nicht selbst mehr Kindertagesstätten einrichten, um den Frauen das Berufsleben zu erleichtern?
«Ich kann da nur aus Sicht von Sandoz und Novartis sprechen. Hier haben Familien, in denen beide berufstätig sind, sehr gute Möglichkeiten Beruf und Familie miteinander zu vereinen. Seit August 2019 hat Novartis eine 14-wöchige voll bezahlte Elternzeit eingeführt. Hier ist Novartis sicherlich ein Vorreiter und Vorbild für andere Unternehmen. Des weiteren bieten wir flexible Arbeitszeitmodelle an, die es allen Mitarbeitenden – auch Männern erlauben – selbst zu bestimmen, wo und wann sie arbeiten. Mit den neuen technischen Möglichkeiten wird es zudem immer einfacher, auch fern des Arbeitsplatzes in der Firma effizient zu arbeiten. Je mehr Mitarbeitende flexibel arbeiten und je schneller wir von der Vorstellung wegkommen, dass eine lange Präsenzzeit eine Voraussetzung für eine herausragende Leistung - und damit für eine Beförderung ist -, desto eher werden wir Chancengleichheit erreichen. Deshalb ist es wichtig, dass Unternehmen ihre Arbeitszeitmodelle flexibler gestalten – die Einrichtung von Kindertagesstätten könnten eine eine weitere Option sein.»
Weshalb sollte ein Betrieb eine Frau einstellen, die nach acht oder neun Jahren wieder ins Berufsleben einsteigen will und nach ihrer langen Absenz sicher nicht mehr ganz à jour sein kann?
Eine Frau, die ein paar Jahre nicht im Beruf war, hat diverse andere Erfahrungen sammeln können, die sicherlich auch im Berufsleben gefragt sind. Ich habe mit „Wiedereinsteigerinnen“ sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie arbeiten sehr fokussiert und sind hochmotiviert einen Beitrag zu leisten. Hier ist das Thema Flexibilität zentral und auch von beiden Seiten notwendig. Das beinhaltet sicher auch einen Kulturwandel in vielen Unternehmen. Ich denke, dass hier auch schon einiges passiert ist, zum Beispiel mit Teilzeitarbeit, Jobsharing oder flexible Arbeitszeiten.»
Sie selbst haben einen sechsjährigen Sohn. Wie gestaltet eine erfolgreiche Managerin ihr eigenes
Familienleben?
«Es braucht einerseits viel Flexibilität und andrerseits jede Menge Organisation. Natürlich ist das nicht immer ganz einfach. Mein Mann und ich sind ein sehr gutes Team. Gerade jetzt in der Anfangsphase meiner neuen Aufgabe bei der ich viel unterwegs bin, müssen wir uns eng abstimmen. Zudem musste ich lernen loszulassen und zu delegieren – Perfektion hat in dieser Konstellation keinen Platz – es braucht Mut zur Improvisation.»
Werner Koder
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