Hygiene | In zehn Jahren keine einzige Kontrolle
«Nicht überall, wo Tattoo drauf steht, ist Tattoo drin»

Infektionsrisiko. Tattoo-Studios im Oberwallis können ohne Hygiene-Kontrolle arbeiten.
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Herke Kranenborg und Ivonne Körner legen in ihrem Studio «The Flying Dutchman» grossen Wert auf Hygiene.
Foto: Christian Pfammatter
Der Trend von bunten Bildern auf der Haut nimmt stetig zu und damit treten vermehrt unprofessionelle Tattoo-Studios auf den Plan. Der Kanton Wallis unternimmt zu wenig, um die unseriösen Arbeiten zu ahnden.
Nicht alle Tattoo-Studios überzeugen in Sachen Hygiene und Qualitätsarbeit. Für Laien ist es daher schwierig, ein gutes Studio beziehungsweise einen guten Künstler zu erkennen. Auch im Oberwallis gibt es Studios, welche auf den ersten Blick sauber erscheinen, doch der Teufel steckt im Detail.
Wiederverwenden von schlecht sterilisiertem Werkzeug, offene lange Haare während dem Prozess, falsche oder sogar keine Handschuhe sind nur drei der Gefahren, welche in Studios lauern. Die Gefahr einer Kontaminierung, welche zu einer schweren Krankheit führen kann, ist hoch. Durch das Anfassen von nicht korrekt vorbereitetem Werkzeug oder der Berührung von unsterilen Gegenständen besteht ein Risiko der Infizierung. Das Tätowieren und Piercen gilt laut Gesetz in ganz Europa als schwere Körperverletzung. Die Schweiz bildet dabei keine Ausnahme.
Richtlinie solls richten
Auf Missstände in diversen lokalen Tattoo-Studios angesprochen, sagte die Walliser Dienststelle für Verbraucherschutz: «Bei Hinweisen gehen wir der Sache immer nach. Wir haben vom Bund eine Liste mit verbotener Tinte, welche wir bundesweit stichprobenartig kontrollieren.» Betreffend der Übertragungsgefahr von Hepatitis und dem HIV-Virus gibt es hingegen keine direkte Antwort.
Die Angaben des Bundes und des Kantons auf die Frage von Hygienekontrollen sind ernüchternd, so wird immer wieder auf die Richtlinie «Gute Arbeit» vom Bundesamt für Lebensmittel (BLV) verwiesen. Diese ist für Tätowierer keine Pflicht und kann daher auch missachtet werden. Auch der Walliser Kantonsarzt Christian Ambord pflichtet den Richtlinien bei: «Die Ansteckungsgefahr bezüglich Hepatitis C und HIV ist somit bei Einhaltung dieser Richtlinien praktisch null. Es bestehen jedoch andere Gefahren, welche insbesondere in der Tinte liegen.»
Der Fakt, dass bis heute jeder Beliebige ein Tattoo-Studio eröffnen kann, bringt grosse Risiken mit sich. Viele Studios veröffentlichen online Fotos, auf denen unhygienisches Arbeiten entdeckt werden kann. In einem neuen Oberwalliser Studio liess man zuletzt eine 13-Jährige an einem Kunden Hand anlegen. Dies sorgt für Stirnrunzeln, wenn man bedenkt, dass laut Gesetzeslage eine 13-Jährige weder gepierct noch tätowiert werden darf. Denn das Piercen von Ohren oder anderen Körperteilen ist erst ab 14 Jahren erlaubt und dann auch nur mit Einwilligung von beiden Erziehungsberechtigten.
Nicht vorhandene Bemühungen des Kantons
Wie der Schweizerische Tattoo-Verband gegenüber 1815.ch erklärt, ist der Kanton Neuenburg der einzige schweizweit, der die Meldepflicht für Studios eingeführt hat.
Auf Anfrage, warum der Kanton Wallis dies bis anhin nicht für nötig hielt, erklärte die Kantonale Dienststelle für Verbraucherschutz und Veterinärwesen: «Aktuell sind die Tattoo-Studios nicht der Meldepflicht unterstellt, das ist richtig. Mit dem neuen LARGO soll dies nun auf Bundesebene geändert werden, was zu einer besseren Übersicht für die Behörden in diesem Bereich führen würde.»
Diverse Stellen von Kanton und Bund verwiesen immer wieder auf die Kontrolle der Tinte, welche anhand einer Liste des Bundes aus dem Jahr 2015 stichprobenartig durchgeführt wird.
Die Gesetzesänderung kann den schlechten Studios zum Verhängnis werden, jedoch ist die Meldepflicht lediglich auf einen Eintrag im Handelsregister beschränkt. Wie der Kanton mit Kontrollen umgeht, bleibt weiter offen.
Bei den Profis nachgefragt
Ivonne Körner und Herke Kranenborg vom Tattoo-Studio «The Flying Dutchman» halten sich streng an die Regeln. Auf die Umstände angesprochen, erklärt das Paar, dass die beiden jährlich an einem Hygieneseminar in Deutschland teilnehmen. Auf die Frage, wie oft sie im Wallis kontrolliert worden sind, fällt die Antwort bedenklich aus: «Wir wurden in unseren zehn Jahren, die wir in Naters arbeiten, nicht einmal vom Kanton kontrolliert», so die beiden.
«Das Verhalten des Kantons ist grob fahrlässig und enttäuschend für Studios, die richtig arbeiten wollen. Wir sind schockiert, wie man mit der Gesundheit von Menschen umgehen kann.» Die beiden haben klare Forderungen: «Zum Wohl der Kunden eine jährliche Abnahmen der Tattoo- und Piercing-Studios sowie eine Erstbegehung vor der Eröffnung, wie es in anderen Ländern üblich ist. Eine Regelmässigkeit ist nötig, sonst wird sich nichts ändern.»
Schwieriger Start und schwierige Zukunft
Herke Kranenborg war nach seiner Studioeröffnung in Naters drei Monate lang auf der Suche nach einem Verantwortlichen für die Erstbegehung. «Ich habe sämtliche Stellen kontaktiert und auch mit dem Anwalt des Gesundheitsamts gesprochen. Niemand hat sich damals angesprochen und verantwortlich gefühlt, unser Studio zu kontrollieren. In anderen Ländern ist so etwas nicht denkbar. Wir haben in Deutschland Hand in Hand mit dem Gesundheitsamt zusammengearbeitet.»
Ivonne Körner ist zertifizierte Piercerin und hat zusätzlich eine Ausbildung zum professionellen Entfernen von Tattoos. «Mein Laser-Geschäft boomt! Herke hat täglich mindestens drei Anfragen für ein Cover-Up. Die Kunden informieren sich leider zu wenig über gute Studios. Sich tätowieren zu lassen, ist für einige wie eine Jeans kaufen. Denn nicht überall, wo Tattoo drauf steht, ist auch Tattoo drin.»
Durch schlecht ausgebildete Studiobesitzer leiden auch renommierte. «Angst vor einem schlechten Ruf haben wir nicht, die mangelhafte Arbeit von manchen Studios sorgt halt dafür, dass auch gute Studios in den Dreck gezogen werden. Allerdings loben viele Ärzte unsere Arbeit. Wir können Nachts beruhigt schlafen», betonen die beiden.
noa
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